CORPUS ALTER

Die künstlerischen Interventionen Claudia Maria Luenigs gelten schon seit längerem den mannigfaltigen Imaginationen des Weiblichen. In opulenten Kompositionen schichtet sie sorgsam verlesene Frauendarstellungen aus gleichermaßen vertrauten wie gegensätzlichen Welten übereinander und arrangiert damit Zufallsbegegnungen zwischen religiösen Andachtsbildern, ramponierten Schaufensterpuppen, Modezeichnungen aus den 50er Jahren und Hochglanzfotos von Sexmodels oder Prostituierten. Die Konfrontation findet sowohl auf den klassischen Darstellungsebenen Papier oder Leinwand statt aber auch auf eher unkonventionellen Bildträgern als da sind Häkeldeckchen und Textilien, wie Spitze, Seide, Plüsch und Samt, welche zusätzlich noch mit Applikationen versehen bzw. dekorativ bestickt werden.
Die teils absurden, teils pikanten Konfrontationen des Ungleichen scheinen nun keineswegs um eine Analyse des weiblichen Kulturschicksals bemüht. Vielmehr loten sie den Raum zwischen den divergierenden Frauenbildern aus und verweisen auf das weibliche Begehren, die Möglichkeiten der Selbstwahrnehmung und Selbstinszenierung jenseits gesellschaftlicher Anspruchshorizonte zu erkunden.
Bringen die in den vergangenen Jahren unternommenen ästhetischen Explorationen Claudia Maria Luenigs stets den weiblichen Körper als zentralen Protagonisten ins Bild, so beschreitet die Künstlerin mit ihrer jüngsten Werkgruppe einen radikal anderen Weg. Unter dem Titel „CORPUS ALTER“ präsentiert sie neue Objekte, aus welchen der Leib entschwunden ist. Formal betrachtet sind die Artefakte allesamt Kleidungsstücke. Overall, Hose, Hemd und Mieder stehen hier stellvertretend für die zweite Haut, die den zivilisierten Körper bedeckt, ihn vor äußeren Einflüssen schützt und darüber hinaus auch wesentlicher Bestandteil seiner nonverbalen Kommunikation ist.
Im Gegensatz zu unseren Vorstellungen von Gewand, Kostüm oder Maske sind die gezeigten Modelle aber nicht wirklich tragbar. Vielmehr handelt es sich um textile Skulpturen, welche die möglichen Erscheinungsformen eines Stückes auf den kleinsten gemeinsamen Nenner bringen und so das Konzept Kleidung neu definieren. Anders als bei ihren früheren Arbeiten, bei welchen sich die Künstlerin unter anderem auch weiblicher Kulturtechniken bediente, sind die neuen Werke, technisch gesehen, zur Gänze im Hausfleiß entstanden. In ironischer Brechung kombinieren sie Techniken und Materialien, die nicht zusammen gehören. Die Gewänder werden aus kunststoffummantelten Elektrokabel gehäkelt. Das sperrige, in diesem Kontext surrealistisch anmutende Material und die Dimensionen der in aufwändiger, den ganzen Körper fordernder Arbeit realisierten Stücke, konterkarieren die Vorstellungen, die wir uns gemeinhin von Wäsche machen. Mit zarten Dessous haben die schlichten, plump geschnittenen Teile wenig gemeinsam. Ihr grafisches Maschenbild, das in altmodischer Manier durch Filetmuster aufgelockert wird, gemahnt eher an Kettenhemden, eine Assoziation, die wohl kalkuliert ist, geht es der Künstlerin doch darum, die vielfältigen gesellschaftlichen Zurichtungsprozesse zu thematisieren, die darauf abzielen „Frauen einzuengen, zu bändigen oder einzuzwängen“.
So lenkt die spezifische Materialität des Kunstwerkes den Blick wieder zurück auf die Wirklichkeit des Abwesenden, den weiblichen Körper. Die Leerstelle steht für den Leib. Sie bezeichnet den Ort der persönlichen Fundierung aber auch die Schnittstelle zwischen Ich und Welt, den es immer wieder neu zu erobern und zu gestalten gilt.
Ob es gelingen kann eine Brücke zwischen Sinn und Sinnlichkeit zu schlagen, Sehnsucht und Verlangen, Selbstbewusstheit und Stärke unter neuen Parametern zu rekreieren? Claudia Maria Luenig antwortet auf diese Frage mit einer persönlichen Utopie. Sie entwickelt und kommuniziert in ihren Werken Ideen und Denkmuster, die sie unaufdringlich anbietet, wobei sie augenzwinkernd auf den ausgeprägten Sinn des Publikums baut, Verhaltensmuster zu erkennen und Modelle zu adaptieren.