Von einer Masche zur Nächsten

Wenn Claudia Maria Luenig sich mit Räumen auseinandersetzt, reflektiert sie auf verschiedensten Ebenen die vorgegebenen Strukturen und setzt Anknüpfungspunkte zu den historischen, ästhetischen und geschlechtsspezifischen Schichten der Architektur. Im Fall des ehemaligen Hamams nähert sie sich den Räumen unter anderem über die Geschlechtertrennung in der Nutzung des traditionellen türkischen Bades an, dabei spielt sie mit Konnotationen, widersetzt sich gängigen Mustern. Mit dem Korsett etwa positioniert sie ein der weiblichen Sphäre zugeordnetes und zugleich sexuell aufgeladenes Kleidungsstück auf der männlichen Seite des Bades. Die Irritation ist einkalkuliert, ohne jedoch brachial den Betrachter vor den Kopf zu stoßen.

Dass über viele Jahre lang das Bad ein Ort war, wo man der Körperpflege frönte, eingebettet in einen streng vorgegebenen Kult von Abläufen, ist noch spürbar, wenn man sich durch die mittlerweile mit zeitgenössischer Kunst neu besetzten Saalfolgen bewegt. Im Geist sieht man, wie die Frauen sich entkleiden, genussvoll baden, sich im Dampf auflösen, um auf allen Ebenen gereinigt wieder in ihr altes Dasein zurückzukehren. Die „Kleider“, die Claudia-Maria Luenig minimalistisch an verschiedenen Orten des Hamams„fallen“ lässt, verändern den Raum, laden ihn mit semantischen Inhalten und erzeugen zugleich jene Spannung, die nur im Kontext entstehen kann. Das Bespielen eines White Cubes, in dem das Kunstwerk allein für sich steht, ist für die Künstlerin lange nicht so interessant wie die Interaktion mit den Kuppeln, dem Lichteinfall in die verdunkelten Räume von oben, den Bögen, den Ornamenten.

Der pointierten Platzierung einzelner Stücke stellt Claudia Maria Luenig zugleich serielle Produktionen gegenüber, so die die 50 Hosen aus wattiertem Stoff in altmodischem Stil, die sie mit „Kabelworten“ verbindet. Der daraus ablesbare Text hat mit dem Haus und der Erfahrung von Schmerz zu tun. Aber auch die hinterleuchteten, bestickten Männer-Unterhemden unter dem Titel „seelenverwandt“ treten in der Gruppe auf. Funktionalitäten werden in Frage gestellt, die Abwesenheit der Körper ist allgegenwärtig, nur die Hüllen bleiben über.

Die Stofflichkeit ihrer Arbeiten ist ein wichtiges Element im skulpturalen Ansatz von Claudia-Maria Luenig. Sie näht Objekte, sie häkelt sie. Wenn sie sagt, „das Material leitet mich“, bedeutet das zugleich in gewisser Weise das Einswerden mit dem Objekt während des Entstehungsprozesses, denn die Kunstwerke werden unter großem Körpereinsatz geschaffen: Claudia-Maria Luenig verarbeitet widerspenstiges Material wie Draht oder Kabel zu filigranen Geflechten. Aber auch hybride Stoffe wie Silikon können zum Ausgangspunkt ihrer exzentrischen Körperhüllen werden. Unter ihren Händen scheint sich im Prozess der Verarbeitung das Material zu verflüssigen, besonders passend für einen Ausstellungsort, in dem Wasser eine so wichtige Rolle einnimmt.

Bei ihrer neuen Serie der „Medusen“ setzt sie sich mit den gallertartigen Wasserlebewesen, die den Badenden im Meer mitunter unangenehme Kontakterlebnisse verursachen, auseinander. Die Quallen haben sie, wenn sie lautlos in tanzähnlichen Bewegungen durch das Wasser gleiten, nicht nur des Namen wegens fasziniert, der Medusa, die gefährlichste der Gorgonentöchter aus der griechischen Mythologie, zitiert. In gewisser Weise kann man den Quallen das Attribut der Unsterblichkeit zuordnen, denn – auch wenn sich die Medusengeneration über geschlechtliche Fortpflanzung zur Polypengeneration entwickelt – vermehren sich die Polypen in Folge durch Teilung.

Den Schirm mit den langen Tentakeln übersetzt Claudia-Maria Luenig über eine umgedrehte Fischerreuse, an die sie ein „Kleid“ häkelt. Die Reuse ist immer wieder Ausgangsmaterial ihrer Arbeiten. Bereits im Mesolithikum für den Fischfang in Anwendung, locken sie über den trichterförmigen Eingang die Tiere in die Fangkammern, aus denen es kein Zurück gibt. Das Durchlässige der tonnen- oder kegelförmigen Netzschläuche ist – wie auch die Maschen der gehäkelten Formen – eine scheinbar durchlässige Struktur, die dennoch deutlich Grenzen setzt. Transparenz und das Nachspüren von Volumen existieren neben einander. Wie abgelegte Häute simulieren die Objekte von Claudia-Maria Luenig Körperformen, von Tier wie Mensch. Nicht die Nachahmung, sondern die Simulation steht im Vordergrund. Durch die Überdimensionierung, unter einer frei interpretierten Beibehaltung der Proportionen, wird die Rückbezüglichkeit zur eigenen Körperform gewahrt, die Ausgangspunkt der Arbeiten ist.

Im Hamam werfen die fragilen Raumkörper die Frage nach Vergänglichkeit auf, nach der Unendlichkeit des Schicksalsfadens, der von Generation zu Generation weitergesponnen wird und sich in alle Ewigkeit fortsetzt. Und wieder fügt sich eine Masche zur nächsten.

Dr. Theresia Hauenfels © 2009